Klettern und Wandern am Gardasee und in den Dolomiten

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    La fessura obliqua – Eine ideale Kletterei?

Schon lange beobachteten wir an der Wand von Padaro den schrägen Riss, der die kompakte, senkrechte Wand zwischen der via Artemis und der via Apollo von links unten nach rechts oben durchzieht. Er erschien uns sehr schwer und wir fragten uns, ob er unseren Kriterien einer idealen Route entspricht. Auch Ivo Rabanser war der Riss schon als eine mögliche Linie aufgefallen. So steigen wir zusammen mit seinem Bruder Edy in die Wand ein. Ivo beginnt mit der Führung und die ersten beiden Seillängen bis zum eigentlichen Beginn des schrägen Risses über eine Wandstufe und eine Verschneidung bringen wir schnell hinter uns. Gleich am Anfang erweitert sich der Riss zu einem engen Kamin, der uns aber noch recht freundlich aufnimmt und zu dem was uns noch weiter oben erwartet, recht angenehm zu klettern ist. Geschwungen, einmal mehr nach oben, dann waagerecht nach rechts führt der Riß weiter. Nach zwei weiteren Seillängen in abwechslungsreicher Kletterei und einer Schwierigkeit bis zum unteren 7. Grad erreichen wir die schon von der Straße aus sichtbare Grotte, deren Eingang von einem ausladenden Feigenbaum versperrt ist.

Über der Grotte wölbt sich ein riesiger dachförmiger Überhang, durch den der Riss auf körperbreite erweitert, weiterzieht. Der kompakte Riss über der Grotte erschien uns schon von der Straße aus als das größte Problem. Ivo übergibt die Führung an mich und in Spannung auf das was mich erwartet, beginne ich zu klettern. Bald nimmt der Riss meinen ganzen Körper auf und ich schiebe mich Stück für Stück an die Dachkante hinaus, mit dem Rücken auf der einen Seite und den Füßen auf der anderen Seite. Einerseits sehr luftig, aber doch auch im dunklen Riss geborgen erreiche ich die Dachkante. Eine große Sanduhr gibt hier eine beruhigende Sicherung. Jetzt wird es quälend eng im Riss und ich frage mich, ob dies noch eine schöne Kletterei ist. Elegant ist es nicht mehr. Die Bewegugsfähigkeit ist stark eingeschränkt und der Einsatz des ganzen Körpers, des Rückens, der Knie, Schultern und Ellbogen, gefordert. Der Riss verschmälert sich weiterhin und zwingt mich nach außen. Ich schlage einen Haken, an dem ich mich nach außen lasse. Jetzt bin ich zwar aus der Enge befreit, aber der Riss ist mit seiner Breite und Glätte so abweisend, dass für mich an ein Freiklettern nicht zu denken ist. Der schräge Verlauf und die überstehende obere Risskante machen ihn noch unangenehmer. Es ist spät und die Dämmerung beginnt schon. Ich kann einen Haken in ein Loch schlagen und lasse mich an ihm zu Ivo und Edy ab. Während ich mich mit dem Riss beschäftigte, haben Edy und Ivo den Weg durch den Feigenbaum freigeschnitten.

Ein paar Tage später steigen wir wieder ein um die Tour zu vollenden. Jetzt kommt Ivos Riesenfriend zum Einsatz. Mit seiner und der Hilfe ein paar zusätzlicher Friends und einer gefädelten Schlinge um einen  Klemmblock kann ich den Rest des Risses bezwingen und erreiche einen Standplatz. Ich sichere Ivo und Edy nach und bin erst einmal froh, dass der Riss bezwungen ist. Edy und Ivo sind begeistert von dem Riss. Wie wird es den Wiederholern ergehen? Durch die Haken und Schlingen sind jetzt kaum zusätzliche Sicherungen nötig, aber ist er dadurch zugänglicher geworden?

In der nächste Seillänge fühlt man sich wieder ganz als Kletterer. Der folgende Kamin lässt sich gut spreizen, die anschließende Wand bietet kleingriffige Kletterei, ein kurzer Quergang bringt nach links zu einem Riss, der zum Stand auf einer Kanzel leitet. Über eine kurze Kante, ein Waldband und eine kleine Wand erreichen wir den Ausstieg.

Wie bleibt diese Kletterroute in Erinnerung? Das ist immer so eine Sache mit der Erinnerung. Die gute oder schlechte Erinnerung hängt meistens mehr mit der persönlichen Tagesverfassung zusammen, als mit einer wirklich objetiven Einschätzung. Dieselbe Klettertour kann einmal als schön und ein andermal als schlecht empfunden werden. Es ist die Fessura obliqua sicher keine alltägliche Route. Sie ist alpinistisch und erfordert den Umgang mit mobilen Sicherungsmitteln. Sie wird den Kletterer zufriedenstellen, der das Abenteuer, die besondere Herausforderung sucht. Sie bietet außergewöhnliche Passagen und beeindruckende Felsformationen. Besonders die Seillänge über der Grotte wird in Erinnerung bleiben. Ob gut oder schlecht hängt von der Vorliebe für diese Art von Kletterei und vielleicht auch von der Größe des Kletterers ab. Der Kletterer, der mehr das elegante Höhersteigen bevorzugt, wird sich hier nicht wohlfühlen.

Die via „Fessura obliqua“ ist jetzt so eingerichtet, dass man mit einem normalen Sortiment an Keilen und Friends auskommt. Sehr große Friends sind nicht notwendig.

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Sergio Martini in dem abweisenden Riss der 6. Seillänge